Zeesboote

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Rostock, den 06.10.2017 - 11:00 Uhr

 

Gegen Ende des Dreißigjährigen Krieges, im Jahre 1647, erstellt der Hochschullehrer Johann Hieronymus Staude einen Stadtplan der Hansestadt Stralsund. Diese schlicht als "Staudeplan" bekannte Stadtansicht liegt heute im Reichsarchiv in Stockholm.

 
Stralsunder Stadtplan 1647 von Johann Hieronymus Staude "Staudeplan"
Bild 1: "Staudeplan" (Kopie Stadtarchiv Stralsund - E I 203)

 
Dank einer hochauflösenden Kopie, welche dem Stadtarchiv Stralsund zu Verfügung steht, ist der Staudeplan für uns einsehbar.
 
Der Anfang diesen Jahres verstorbene Holzbootexperte Helmut Olszak stieß bei seinen Feldforschungen auf diesen Plan. Er riet mir, die darauf abgebildeten Wasserfahrzeuge einmal genauer unter die Lupe zu nehmen. Und tatsächlich; schaut man sich die Datei mit einem Bildbetrachter an, so kann man in der Vergrößerung wasserseitig drei Zeeskähne erkennen. Das ist eigentlich eine kleine Sensation, denn Beschreibungen aus der Erinnerung von Zeesenfischern des Stralsunder Reviers sowie Bootsrisse, liegen uns erst aus der Mitte des 19. Jahrhunderts vor.
 
Der älteste Hinweis auf das aus dem Slawischen stammende Wort "Seyse" aus dem Jahr 1315 stammt vom Stettiner Haff. Man geht davon aus, dass die Fischerei mit dem Zeesnetz von hier in das Stralsunder Revier übergegangen ist. Der Name "Zeszekahn" findet in der ältesten bekannten Stettinischen Haffordnung aus dem Jahre 1541 Erwähnung. Die zweimastigen großen Zeeskähne der Haffregion maßen etwas über 21m und hatten eine Besatzung von 5-6 Mann.
 
 
zweimastiger Zeeskahn des Stettiner Haffs
Bild 2: Zeeskahn des Stettiner Haffs in Luggertakelung (Zeichnung Rainer Braunschweig - Sammlung Dr. Jochen von Fircks)


 
  • 1449 - Der Chronist Johann Beckmann benutzt den Begriff „Zesekahn" bereits in einer Stralsunder Chronik.
  • 1601 - wird der Zeeskahn in der ältesten nachweisbaren Stralsunder „Vischer Rulle" - der Satzung des Amtes der Zeesner - als „nathe czesekane" bezeichnet. Der Ausdruck „nasser Zeesekahn" deutet darauf hin, dass die Kähne schon einen wasserdurchfluteten Fischkasten besaßen. Das Amt der Zeesner entstand aus einer bereits früher bestehenden Vereinigung der Zeesenfischer.
  • Die Stralsunder Kähne sollen sich in Größe und Ausführung von denen des Stettiner Haffs unterschieden haben. Beschreibungen von Amtszeesnern aus der Mitte des 19. Jahrhunderts geben Auskunft: "Es waren auf Sohle aufgesetzte, geklinkerte, spitzgatte Fahrzeuge von 13m Länge. Sie waren einmastig und hatten einen festen Klüver- und Achterbaum. Die Besegelung bestand aus losem Klüver, Stagfock sowie baumlosem Gaffelgroßsegel. Wahrscheinlich wurde zu früherer Zeit auch ein Sprietsegel gefahren. Die Stralsunder Zeeskähne hatten eine Besatzung von 2-3 Mann."

  • 1935 - wird der letzte Stralsunder Zeeskahn, welcher noch über 40 Jahre als Hälterfahrzeug (Ligger) gedient hatte, abgewrackt. Bereits zwischen 1800-1850 hatte der Übergang zu den kleineren aber effektiveren Zeesbooten stattgefunden.

     

    Stralsunder Zeesener-Kahn von 1866 (Zeichnung H. Olszak - 2009)
    Bild 3: Neuauflage des Risses eines Zeesener-Kahnes von 1866 (Helmut Olszak/2009
    - heute Archiv Deutsches Meeresmuseum)

 


Zurück zum Staudeplan:

Tatsächlich lassen sich der Vergrößerung einige Ansätze entnehmen, wie Stralsunder Zeeskähne aus der Mitte des 17. Jahrhunderts ausgesehen haben könnten. Zeitgemäß weicht die verwendete Takelage von der Beschreibung aus dem 19. Jahrhundert ab. Die drei abgebildeten einmastigen Fahrzeuge besitzen allesamt nur ein Segel, welches als Rahsegel ausgeführt ist. Der Mast wird beidseits von 5 Wanten (Bild 4) und einem Vorstag gehalten. Gut zu erkennen sind die beiden Schoten zum Anstellen des Segels. Auch die zwei festen Driftbäume an Bug und Heck sind gut erkennbar sowie die über eine Gabeldolle laufenden Driftleinen. Bild 5 zeigt sogar ein am Mast zum Trocknen hochgezogenes Zeesnetz. Zur Ausführung des Bootskörpers lassen sich aufgrund der Größe der Zeichnungen kaum Aussagen machen. Zu sehen ist, dass der Bug einen kräftigen Sprung besitzt und auch das Heck stark nach oben gezogen bzw. mit einem Aufbau versehen war. Die im Staudeplan dargestellten Zeeskähne wirken daher auf den Betrachter (wären da nicht die Fangvorrichtungen)  wie kleine Koggen. 


Bild 4 u. 5: Vergrößerte Auszüge aus dem "Staudeplan" mit Stralsunder Zeeskähnen  (Kopie Stadtarchiv Stralsund - E I 203)

Nun beinhaltet das Prinzip der Zeesenfischerei unter Segeln - nach einer Drift - das Aufkreuzen des Bootes zurück zur Luvseite, also gegen den Wind. Dies dürfte mit den nach dieser zeitgenössischen Darstellung im Stralsunder Revier gebräuchlichen Rahsegeln nur schwer möglich gewesen sein. Eine anschauliche Erklärung ist auf der Webseite www.Rahsegel.de zu finden.

Die Entwicklung der Takelage hätte sich somit vom Rahsegel, über die Luggertakelung, hin zur Verwendung von Sprietsegeln und schließlich zur heute noch üblichen Gaffeltakelung vollzogen.

Fazit: Der Staudeplan stellt eine wertvolle Ergänzung zu den bisher nur spärlich bekannten Informationen aus der Frühzeit der Zeeskähne des Stralsunder Reviers dar. Vielleicht finden sich in den Archiven weitere Zeitzeugnisse, die eine genauere Beschreibung zulassen, auf deren Grundlage dann eine Rekonstruktionszeichnung angefertigt werden kann.

Vielen Dank für die freundliche Unterstützung durch das Stadtarchiv Stralsund, Herrn Dr. Dirk Schleinert.

 

 

Uwe Grünberg

 

Weiterführende Literatur:
Dr. Jochen von Fircks, Der Zeesenkahn vom Stettiner Haff, Deutsches Schiffahrtsarchiv 34 - 2011, Oceanum Verlag - 2012

 

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