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Rostock, den 15.09.2014 - 21:15 Uhr

 

Liebe Zeesbootfreunde,

vor einigen Wochen lernte ich einen interessanten Menschen kennen. Willi Frankenstein aus Stralsund, der sich durch Geschichten mit Witz & Pointe einen Namen gemacht hat, widmete sich mit seinen Recherchen über das Stralsunder Original Johann Krüger, genannt der "Swart Johann", sozusagen einem "Fachthema". Wir haben uns während unseres regen Schriftwechsels und der zahlreichen Telefonate wunderbar ergänzt. Die sehr akribische, ja pedantische Art des Autors, den Dingen auf den Grund zu gehen und zwischen den Zeilen zu lesen führte dazu, dass auch auf Braune-Segel.de einige Registerkarten mit dem Material von Willi Frankenstein korrigiert und bereichert werden konnten. Der Artikel, für welchen hauptsächlich an den Wirkungsstätten des "Swart Johann" in Stralsund und Lauterbach recherchiert wurde, erschien kürzlich in Regionalzeitungen in der Hansestadt und auf der Insel Rügen.

 


 

Swart Johann - 25. August 2014


Johann begegnete mir am Strelasund, jedoch nicht persönlich, sondern als Segelboot. Die Eheleute Wagner tauften ein altes Zeesboot nach der Restaurierung auf den Namen „Swart Johann" und setzten damit dem legendären Stralsunder Zeesener Johann Krüger (1886-1955) ein Denkmal. Den Bootskörper hatte der Fischer Hermann Ahrns (1865-1930) aus Gristow zur Geburt seines Sohnes Albert im Jahre 1901 bei Holzerland in Barth erbauen lassen. Albert Ahrns (†1979) fischte damit bis zu seinem 75. Lebensjahr und trennte sich nur schweren Herzens von seinem Taufgeschenk.


Nachdem Horst Wagner, den seine Freunde nur „Hotta" nennen, fünf Jahre auf der Dinse-Werft daran gearbeitet hatte, erfolgte 1981 der Stapellauf. Bei Dinse wurden Läuschen und Riemels über Johann Krüger erzählt. Er war eine große, kräftige Erscheinung mit dunklem Teint und schalkhaftem Gesicht, ein weit bekanntes Original. Hei güng ümmer swart: Hose, Weste und Melone. „Hotta" strich den Schiffsrumpf schwarz an, was Anlass der Namensgebung war. Häufig wurden Wagners auf den Namen „Swart Johann" hin angesprochen und erfuhren von seltsamen Legenden über ihn, in denen weder sein Boot, die heutige „Victoria", vorkam, noch die Taufe des Gristower Bootes, welches Johann nie besessen hatte.
Als „Hotta" 1986 von Stralsund nach Schleswig übersiedelte, die „Swart Johann" jedoch nicht mitnehmen durfte, ging sie 1987 an einen Greifswalder Eigner. Ab 1997 segelte sie in Rügener Gewässern unter dem Namen „Schwart Johann" und ist seit 2014 wieder in Stralsund.


Um den Nimbus des rauen Seemanns zu verstehen und literarisch gerechter mit ihm umzugehen, sprach ich mit Leuten, die sich an ihn erinnerten: Er war „De swate Kröger" aus dem Griesen Eck, dem Hafenviertel Brückenschanze mit dem Zeesenhafen und den Straßen Kleiner und Großer Plauderberg. Sein Wohnhaus musste er 1934 abreißen, denn der Rügendamm brauchte Platz. Nachdem er im Großen Diebsteig ausgebombt worden war, wohnte er im ehemaligen Feldwebelhaus in der Ziegelstraße 5, einem Backsteinbau unter der neuen Rügenbrücke.

Von seinem Vater hatte er gelernt, ein Boot mit fünf Segeln zu steuern, eine Zeese zusammenzusetzen, sowie Wind und Wetter zu fühlen; er wählte jedoch den Beruf des Schonsteinmaurers. Von oben auf die Altstadt herunterzulächeln, die wie eine Wasserburg wirkt und den Trajektverkehr im Hafen als einen modernen Durchgangspunkt des Weltverkehrs zu beobachten, das war zunächst sein Ding. Im Jahre 1934 kaufte er bei Dinse sein Zeesboot, nachdem er durch den Verkauf der Baustoffe aus dem Hausabriss flüssiger geworden war. Beim Stapellauf trug er eine Melone, welche er auch beim Fischen aufbehielt. Dieser aus der Mode gekommene alte Hut, zu dem man auch Knackwurstkettel oder Schausterkaugel sagte, wurde sein Markenzeichen. „Schusterkugel" = wassergefüllte Glaskugel zum Fokussieren von Kerzenlicht, ein sogenanntes „Armeleute-Licht". Mit dieser Kugel auf dem Haupt ging er lebensfroh durch die Welt und nahm seine Macken selbst mit Humor.

Sein Boot kaufte er in einer Zeit, als die Fischzüge karger wurden, als namhafte Fischer in andere Berufe wechselten, als das Amtsbuch der Zeesener längst geschlossen und der Niedergang der Zeeserei abzusehen war. Der Rügendamm brachte nicht nur Zeitverlust, denn über 100 Segelfischerboote, die noch ohne Hilfsmotor waren, konnten die Klappbrücke am Ziegelgraben bei rauem Wetter nicht passieren. Beim Bombenangriff 1944 wurden die Wohnungen von etwa 50 Fischerfamilien zerstört, auch Fischerboote. Wer unmittelbar und häufig die rücksichtslose Stimme der Not vernimmt, der betritt auch unsichere Planken, um die Familie mit Fisch über Wasser zu halten.

 
Als er 1955 starb, gab es kaum noch Zeesener im Stralsunder Revier. 1984 knipste Max Heise als letzter das Licht aus. Johanns Sohn Heinz und Enkel Hans wurden auch Fischer. Ihr Boot wurde Anteil einer Genossenschaft und ging zur Jahrtausendwende als Sportboot in Privatbesitz. Damit endete die Fischerei am Strelasund. Willst du's heute frischer, dann suche auf dem Dänholm den letzten Fischer!


Johanns jüngerer Sohn Walter sollte auch Zeesener werden, wollte aber nicht. Er hatte gesehen, wie man ein Boot quer (dwass) vor den Wind legte, nun stellte er sich quer vor den Vater, de Dwassdriewer Fiete. Von Marika Rökk hatte er sich das Steppen abgeschaut, dann steppte er durch die Welt: Mongolei, Nordkorea und China. Bis zu seinem 60. Lebensjahr tanzte er im Revuetheater im Friedrichstadtpalast, der Solotänzer Fiete. Zuletzt sorgte er hinter der Bühne als Inspizient dafür, dass alles gut über die Bühne ging.


Die ehemaligen Fischer Willi Bokander, Walter Krenth, Herbert Kraeft und Rudolf Lülow erzählen, dass Johann ein tüchtiger Zeesener war, der sein Handwerk verstand und wie kaum ein anderer Zeesen zusammensetzen konnte. Er war ein geborener Anführer der schwarzen Gang, wie man zu den Fischern sagte, die in der Morgenfrühe mit geschulterten Seesäcken zum Zeesenhafen am Ziegelgraben zogen. Einst hatte die Reusenbrigade eine Woche lang bei Zudar Reusen gesetzt. Als der Proviant knapp wurde, erbettelte Johann in Dörfern Butter und Brot für die ganze Meute. Dass er nicht nur ein exzellenter Zeesener, sondern auch ein geübter Sportsegler war, bewies er am 05. Oktober 1936 bei der Zeesbootregatta anlässlich der Einweihung des
Rügendamms, wo er einen Pokal gewann.

Er konnte teilen und schenkte mittellosen Müttern Fisch für reichliche Mahlzeiten. All jenen, denen er von seinem an Bord bereiteten Schmoraal ein Näpfchen abgab, lobten seine Delikatesse: Speck, dünner Aal klein geschnitten, Zwiebel, Pfeffer und Salz mit Kaffeesud geschmort und mit Petersilie garniert. Fehlte Kaffeeschrot, dann röstete er Weißzucker zu braunem Soßenbinder, denn der Aal schmeckte ihm dunkel geschmort am besten. Den aus Braunschweig zugereisten jüngeren Freund Erich Günther nahm er als Maat auf sein Boot und vermittelte ihm all das, was zum Zeesen gehörte. Als jener genug wusste, kaufte der sich ein eigenes Boot. Es ist eines der ältesten erhaltenen Zeesboote mit dem Kosenamen „Old Lady".

 

Swart Johann vergab gerne Ökelnamen. So taufte er in einem Gewitter die Bucht Ruptin mit dem Ufer „Blaue Hölle" auf den Namen Kreigennest und das kam so: Als der Schiffer vor der Insel Vilm merkte, dass er Lauterbach nicht mehr ansteuern konnte, nachdem er alle Segel gekappt und gerefft hatte, da rief er dem Vormann, der im Vörunner schlief, die Worte zu: „Jochen upstahn, wie will'n Kreigen fingen." Er erreichte sein Kreigennest, von allen Seiten vor Sturm geschützt.


Er erlebte mehrere geschichtliche Zäsuren: Kaiserzeit, Weimarer Republik, Drittes Reich und Neubeginn. Seine Gesinnung war deutsch-national geprägt. Als sein Boot 1934 vom Stapel lief, hisste er noch traditionell die kaiserliche Flagge und als er 1936 den Rügendamm-Pokal gewann, da schickte er Sohn Heinz zur Siegerehrung, weil ihm die neuen Herren unsympathisch waren. Kriegsdienst musste er nicht leisten, weil Fisch wichtig für die Volksernährung war; seine Schausterkaugel hätte sich sowieso nie mit einem Stahlhelm vertragen.


Johanns Stammlokale waren: „Franz Kegler" in der Dänholmstraße, „Gaststätte Rügendamm", zu der Arbeiter der Volkswerft auch „Halle 8" sagten, „Boddenblick" in Ralswiek und „Hafenhotel Viktoria" sowie „Zum Schwarzen Bären" in Lauterbach. Letzteres ist heute noch ein uriges Restaurant mit einem schwarzen Bärenfell an der Wand. Hier saßen die Zeesener, redeten und tranken und beobachteten die Bäume. Denn, wenn die Baumblätter zu rascheln anfingen, dann kam der Wind fürs Zeesen. Taun Zeesen bruukte man denn' Wind.


Im „Hafenhotel Viktoria" hatte der Berliner Kunstmaler Fritz Dreyer die Fischerstube ausgemalt. Swart Johann und der Zeesener Wilhelm Kagelmacher aus Stralsund waren gleich am Eingang zu sehen. Letzteren sprach man mit „Alter Schwede" an, weil er einen Spitzbart trug, wie ihn Gustav II. Adolf, König von Schweden, hatte. Stralsunder Fischerkollegen malten Johanns Porträt an eine Wand der „Halle 8". Dies war seine Anlaufstelle, sein Erinnerungsort, hier stand seine Wiege im ehemaligen elterlichen Haus.



Er war ein guter Unterhalter, der die Dinge auf den Punkt brachte, auf einen Punkt, wie er ihn beim Zeesen in der Landschaft stets fand. Wenn seine Kehle trocken war, dann sagte er: „Schwiech still, wie will'n to'n Supen kamen!" Zahlte jemand die Zeche mit Scheck, dann meinte er schelmisch: „So'hn Zettel kannst du mi uk mal gäben". Er trank gern ein Gläschen, kannte jedoch sein Maß, fiel nicht über Bord und machte nie blau. Man erzählt, dass er auf seinem Zeesboot Schnaps gebrannt haben soll, was zwar geheimnisvoll klingt, jedoch nicht stimmt. Es ist gut gesponnenes Seemannsgarn*.


Wer neugierig den Link „www.braune-segel.de" anklickt, der findet Stoff für weitere Legenden.

 

Willi Frankenstein



*Anmerkung von Braune-Segel.de:
 

Nun - im Vörunner eines Zeesbootes gibt es wohl kaum den Platz für eine kleine Schnapsbrennerei ;o)  Es gibt aber Fischer die dabei gewesen sein wollen, als Johann Krüger an Bord Alkohol herstellte. Dazu sammelte er Brotrinde, die er vergären ließ. Er soll diesem Trunk sehr zugetan gewesen sein. Vielleicht gibt es hier bald Tatsachenberichte von noch lebenden Zeitzeugen.

Zusatz von Nils Rammin:

Das Foto, welches die Fischer Erich Günther u. Johann Krüger im Lauterbacher Hafen zeigt, muss vor 1934 entstanden sein, da hier noch das Vorgängerboot von Fischer Krüger abgebildet ist.

Bildquellen:
Bild 1 u. 3: Sammlung Heinz Zimmermann
Bild 2: Sammlung Rudolf Lülow
Bild 4: Zeesboot-Bildarchiv Nils Rammin
Bild 5: AK Lauterbach - Bruno Becker

 

 

 

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