Zeesboote

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Rostock, den 09.10.2014 - 15:30 Uhr

 


Selbst
mir als Rostocker sind sie schon über den Weg gelaufen (oder sollte man geschwommen schreiben?) die Schiffsmodelle von Heinz Zimmermann aus Stralsund. Ich sah sie zum ersten Mal im Jahr 2005, in einer Vitrine im Eingangsbereich des Nautineums. Aber auch in einigen Ladenfenstern der Innenstadt habe ich sie schon erspäht - u. a. auch schöne, detailgetreue Zeesbootmodelle verschiedener Größen.

 

Willi Frankenstein - Stralsund, den 27.07.2014


Der eine kauft sich ein Schiff, der andere mietet es. Heinz Zimmermann baut sich die Schiffe in seiner Stralsunder Modellbauwerft selbst. Bei ihm hat alles seinen Maßstab. Nichts ist aus der Luft gegriffen. Jeder Handgriff zielt auf genaue Resultate. Einhundertachtzig Schiffsmodelle und Dioramen hat er in reiner Freizeitarbeit geschaffen. Sie werden in seinem Haus sowie in  Museen, Sonderschauen,  Modellbauausstellungen, an Hafentagen an der Nord- und Ostseeküste und auch auf seiner Webpräsentation: „www.modellbauwerft-stralsund.de“ bestaunt.

Im Marinemuseum Dänholm hat er einen ganzen Raum mit Modellen, Schautafeln und Bildern gestaltet. Der Besucher erfährt anschaulich die Entwicklung von der Eisenbahntrajektlinie Stralsund-Rügen ab 1883, über den Bau der Ziegelgraben- und Rügendammbrücke 1936 bis zur 2. Strelasundquerung 2007. Ich las, dass es auf der Strecke von Berlin nach Stockholm für die Strelasund- und Sassnitz-Fähren speziell gebaute Trelleborg-Schnellzugwagen gab. Was mir beim Rundgang in diesem Raum besonders auffiel war, dass bei Heinz Zimmermann an allen seinen Modellen immer eine Geschichte hängt.

Die Wittower Fähre gibt es hier auch als Modell. Neben dem Fährschiff hängt das Original einer Handkurbel für den Portalkran, die er vor der Verschrottung gerettet hat. Allein die Geschichte dieser Handkurbel ist interessant, denn der Portalkran der Fähre war bis 1926 an der Landestelle Altefähr. Die Kurbel ist abgegriffen und angerostet, und ich denke mir dazu die schwieligen Hände des Fährmanns während des Hebens oder Senkens der Gleise auf das Niveau der Fähre bei wechselndem Pegelstand des Boddens.

Über der Tür dieses Raumes zur Schifffahrtsgeschichte hängt eine vergrößerte Postkarte mit der Trajektanlage Stralsund. Sie ist aus dem Fundus von Postkarten über Stralsund, Hiddensee, Rügen und Umgebung aus den Jahren 1896 bis 1945, den Herr Zimmermann  mühevoll zusammengetragen hat. Es sind seltene Zeitdokumente. Seine älteste Karte aus dem Jahre 1896, eine filigrane Schwarzweiß-Zeichnung, zeigt das Panorama der Stadt Stralsund. Ich durchblätterte mehrere Alben und machte fiktive Rundgänge durch  Stralsund. Befragt, warum er diese Karten sammelt, antwortete er: „Irgendwann während meiner Bremerhavener Zeit fing ich damit an. Von dieser Landschaft kommt man so schnell nicht los“.

Er spürt in Häfen und auf Schiffen auf, was an der Schifffahrt kostbar ist. Dabei entstand so ganz nebenbei eine Sammlung von Fotos und Plakaten mit und von Schiffsschornsteinen. Sein erstes Schiffsmodell baute er nach der auf der Mathias-Thesen-Werft in Wismar gebauten weltgrößten Serie von Fahrgastschiffen „SEEFA 340“, die ESTONIA. Den gedanklichen Anstoß  gaben ihm Fotografien und ein  Werbeprospekt während einer Reise nach Norwegen. Ob es auch Auftragsarbeiten gibt, wollte ich von ihm wissen. Ja, er baute mehrere Modelle für Museen und zwei zu Hilfsschiffen umgebaute Schlepper, auf denen Joachim Ringelnatz als Kommandant im ersten Weltkrieg fuhr, für ein Ehepaar aus Amsterdam. Die Eheleute, Ringelnatzfans, hatten im Joachim-Ringelnatz-Museum in Cuxhaven seine Modelle gesehen und waren interessiert. Dazu beschaffte er sich die Zeichnungen und forschte nach den Geschichten der technischen Vorbilder und den handelnden Personen, bevor er mit dem Modellbau begann. Ohne solche Vorarbeit nimmt er kein Werkzeug in die Hand. Wo holt er sich die Geschichten her? Es gibt Quellen und wo die versagen, da hilft nur Erfindungsreichtum. Modelle bauen ist etwas Handwerkliches, wie ich erfahre. Der eigentliche Modellbauprozess liegt bei ihm neben der Werkbank.

Wenn wir auch Frachtsegelschiffe aus Pommern und Zeesboote aus Stralsund in Ausstellungen sehen können, dann verdanken wir es ihm. Gelegentlich stellt der Modellbauer und Sammler Zeesboote und Postkarten in den Geschäften Goldschmiedemeister C. Stabenow und Uhrmachermeister M. Kaczke aus. Über diese  Schaufensterwerbung kam ich mit ihm ins Gespräch. Er hatte das Grab von Dietrich Johann Longé (1779-1863), einem schwedischen und preußischen Offizier, gesucht und auch gefunden. Bei seiner Suche nach Longé, dem eigentlichen Schöpfer der preußischen Marine, halfen ihm Bodo Bernatzki, der sich mit der Stralsunder Militärgeschichte beschäftigt, und Horst Scholle, ein Hobbyforscher in Sachen Marine und ziviler Schifffahrt.
Mit diesen Kenntnissen begleitete mich Herr Zimmermann auf meinen Wegen zum Grab der Kauffrau Hermine Weyergang auf dem St.-Jürgen-Friedhof. Als ich auch noch herausfinden wollte, zu welchen Zeiten die Stralsunder Stadttore um 1800 an den Abenden geschlossen wurden, schaute er in seine Unterlagen und verriet es mir. Wer hätte es mir sonst sagen können?

Einen hohen Stellenwert in seinem Schaffen haben die Zeesboote. Eine ganze Flotte in den Maßstäben 1:10 bis 1:136 schuf er von diesen einmaligen Zeugen der Vergangenheit. Im Stralsunder Revier wurde 1449 erstmals ein Zeesenkahn erwähnt. Cezekahne entziffert der Leser in einer vergilbten Handschrift im Stadtarchiv. Max Heise war der letzte Stralsunder Zeesenfischer und seinen allerletzten Fischzug machte er im Jahre 1984 mit seinem Zeesboot STR. 13  ALBATROS. Es war eine Jubiläumsfahrt, denn Herr Heise, den seine tausend Freunde liebevoll Macker nannten, war 80 und sein Schiff 100 Jahre alt geworden. Damit endete die Zeesenfischerei am Strelasund, die mehr als 500 Jahre währte.

Seit Jahren präsentiert Heinz Zimmermann auf dem Fischerfest Gaffelrigg in Greifswald eine große Zahl seiner Modelle in bester Bootsbaukunst. Darunter mehrere Zeesboote und auch einige Modelle von Booten, die heute noch auf dem Frischen Haff in Polen zum Fischen im Einsatz sind. Gelegentlich zeigt er auch das Modell eines Bragozzo aus der Italienischen Adria, das ein Fanggeschirr quer vor dem Wind treibend zieht, genauso wie die Zeesboote. Den Besuchern hilft er zu verstehen, wie historische Segelboote originalgetreu nachgebaut werden können. Für interessierte Bastler hat er einen Bastelbogen aus Karton für ein Zeesboot entworfen und drucken lassen, der im Meeresmuseum angeboten wird. Er meint, dass es ein Unterschied ist, ob man sich Schiffe und ihre Modelle ansieht oder sie selber baut. Ansehen und Tun sind immer ein Unterschied.

Flohmärkte, Sammlerbörsen und die Philatelie gehören auch zu seiner Erlebniswelt. Hier macht er seltene Funde und tauscht mit Sammlern nicht nur Gedanken aus. Ich sah bei ihm alte Briefe von Stralsunder Reedern, darunter das  älteste Exemplar von 1836. In Langen fand er eine Ehrenplakette mit der Silhouette des Marine-Ehrenmals in Laboe, die er dem Deutschen Marinebund e.V. übergab, der diese vordem nicht besaß und auch nicht kannte.
Welches Modell ist gegenwärtig in Arbeit?  Ein Lächeln, nichts wird hinausposaunt, bevor es nicht spruchreif ist. Ich erfahre schließlich doch, dass er das Modell der SMS STUTTGART in der Version als Flugzeugmutterschiff (1918) gerade fertig gestellt hat und sein nächstes Modell des heute noch auf dem Tanganjikasee in Tansania, im ehemaligen Deutsch-Ostafrika fahrende Fracht- und Passagierschiff LIEMBA ex GRAF GÖETZEN zu ¾ fertiggestellt hat. Seine Modelle sind für mich, der ich selbst Segelflugmodelle gebaut habe, eine große Begegnung und ich bleibe weiter gespannt.

Bei meinem Besuch im Haus des Schiffsmodellbauers und Sammlers aus Leidenschaft sah ich die Schifffahrtsgeschichte in Modellen, Bildern, Fotos, Ansichtskarten, Flaggen, Wimpel und Nippes, in Büchern und Aktenordnern. Seine sorgfältig thematisch geordnete Sammlung kann ich mit Worten nicht hinreichen beschreiben, und ich könnte sie auch nicht voll fotografieren, sie ist nachgestaltete Raumzeit, die ich ganz angenehm erlebte.   
Eine Zigarrenkiste fesselte meine Aufmerksamkeit: Hamburger Duckdalben, Feine Brasil Spezialität. In der Schachtel sehe ich ein Bild mit einem Fähranleger und einem Duckdalben und davor das Modell eines Zeesbootes. Die Herkunft des Ausdrucks Duckdalben ist umstritten. Eine Version geht auf den Herzog von Alba (französisch: Duc d`Albe) zurück, der um 1570 Statthalter der spanischen Krone in den Niederlanden war. Wie dankbar bin ich dem Modellbauer dafür, dass er für mich ein Duplikat der Zigarrenkiste anfertigte und mir dazu diesen heiteren Spruch von Ringelnatz gab, der den Stein des Narren entdeckte, der dem Stein des Weisen zum Verwechseln ähnlich ist:


     

Es setzten sich sechs Schwalben

Auf sechs Dückdalben

Und haben 3 Minuten vereint

Um den Herzog von Alba geweint

Und flogen weiter und hatten zu sechst

Doch richtig die ganzen Dückdalben beklext.

 

Als ich Heinz Zimmermann in seiner Modellbauwerft gegenüber saß, erfuhr ich viel über sein künslerisch-handwerkliches, analytisches Vorgehen und lernte den kulturhistorischen Wert seines Hobbys schätzen. Da ich Freunde habe, Historiker, Restauratoren und Modellbauer, die ihre Arbeit berufsmäßig betreiben, kam ich nicht auf den Gedanken, dass er bei diesen Ergebnissen des Modellbaus und der Erforschung der Heimatgeschichte auch noch einen anderen Beruf erlernt haben könnte. Als ich ihn schließlich danach fragte, sagte er mir: „Ich betreibe mein Steckenpferd aus Liebhaberei.

In der Goetheschule (1951-1953) hatte ich einige Stunden Kunst- und Heimatgeschichte bei dem Stralsunder Kunstmaler Erich Kliefert, der dort als Lehrer angestellt war. Von Beruf bin ich Stahlschiffbauer, Meister der Rundfunk- und Fernsehtechnik und ich war lange Zeit Technischer Angestellter im Schuldienst.“

 

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