Zeesboote

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Rostock, den 19.07.2015 - 15:00 Uhr

 

Als „Fortuna“ vor einigen Wochen auf der Werft Rammin in den Gurten des Travelliftes hing, sprach mich ein junger Hiddenseer Fischer an, den ich bislang nur vom Sehen kannte.


Ich erzählte ihm, dass es sich um ein ehemaliges Stralsunder Boot handelt, welches nach dem Krieg im Sommer meist um Hiddensee gefischt und dann im Hafen von Vitte gelegen hat. Ganz selbstverständlich, als wenn er ihn von damals kennen würde, antwortete Sven Thürke: „Das ist Erwins ehemaliges Boot? Der hat doch auch zusammen mit meinem Opa Hermann Thürke gefischt“. Als ich ihm berichtete, dass Erwin Kagelmacher Tagebuch geführt und mir den Band I seiner Memoiren (1929-1961) zur Verfügung gestellt hat, sagte Sven: „Das ist ja interessant. Bring das doch mit nach Hiddensee, wenn Du nächstes Mal kommst, dann kannst Du dass meinem Vater zeigen. Opa Hermann ist schon 1976 gestorben. Die Alten kennen Erwin aber alle noch.“

Das traf sich gut, hatten meine Frau und ich doch Anfang Juli 14 Tage Hiddenseeurlaub eingeplant. In Erwins Aufzeichnungen befinden sich auch Fotos von Vitter Fischerjungen, deren Namen es heraus zu finden galt.

Und so lief die Geschichte wie am Schnürchen weiter. Bereits zwei Wochen nach unserem Gespräch stand ich dann bei herrlichem Sonnenschein im Hafen von Vitte und unterhielt mich gerade mit „Gurke“, einem Hiddenseer Original. Gurke, der z. Zt. als Kurkartenkontrolleur angestellt ist, wartete auf potentielle Opfer, in Form von Passagieren eines Taxibootes ;o). Nebenbei hielt er auch Ausschau nach Sven Thürke, der ihm grünen Aal in Aussicht gestellt hatte. Sven ließ nicht lange auf sich warten und tauchte mit seinem Faborg-Kutter VIT. 59 „Angela“ bald in der Ansteuerung des Vitter Hafens auf. Die vielen schwarzen Flaggen, welche an Bord wehten, wiesen auf Aalkorbketten hin. Also konnte Gurke guter Hoffnung sein…

Sveni zeigte nach dem Anlegen mit seiner Hand in eine Ecke im Süden des Hafens: „Dort hinten auf der Bank, bei den Fischkisten, sitzen die Ollen immer. Meist so ab 15:00 Uhr. Vadders weiß Bescheid, dass Du kommst.“

Nun kam unser Treffen wegen der Nachmittagshitze zwar erst gegen Abend zustande, aber Altfischer Peter Thürke brachte auch noch seinen Kollegen Heinz Gau mit, der Erwin Kagelmacher ebenfalls noch kennt. Sein Vater, Hermann Gau, war einmal Besitzer des in der Szene wohlbekannten Zeesbootes „Windjammer“, welches heute unter FZ 23 „Stella“ registriert ist.

„Was? - Das hat Erwin alles aufgeschrieben“, staunten die beiden Fischer, als sie die 140 handschriftlichen Seiten und die zahlreichen Fotos sahen. Die Identität der jungen Fischer auf den alten Fotos war schnell aufgeklärt. Einer davon war sogar Peter Thürkes bereits verstorbener Bruder Fred, genannt „Ole“. „Der hat einmal ein Stück Treibholz am Strand gefunden, auf welchem der Name „Ole“ stand. Seitdem nannte man ihn so.“ 

Peter Thürke erzählte davon, dass Vater Hermann mit seinem Kutter „Alma“ jährlich im Juli zusammen mit Kagelmacher vor Arkona auf Sprotten getuckt hat. „Beide Kutter waren in etwa gleich groß. „Alma“ wurde einmal bei Dinse in Stralsund um 2,3m verlängert", ergänzt Heinz Gau. Auch er fuhr damals solch einen Sprottentörn an Bord von Kagelmachers STR. 6 mit.

Das war wieder eine dieser Geschichten über die man nachdenkt, weil einem bewusst wird, dass sich hier irgendwo ein Kreis geschlossen hat. Denn ratet mal, wer den Kutter „Alma“ heute besitzt? Es ist mein Freund Hubert Thürke von der Fischbarkasse „Willi“ in Kloster. Es ist schon lustig, wenn man mit jemanden befreundet ist und erfährt, dass bereits die Kutter schon zusammen gefischt haben ;o)

Umso überraschter war ich, als sich die Geschichte, welche mir die beiden alten Fischer erzählt hatten, sogar in Erwins Aufzeichnungen wiederfand.

 

Lassen wir daher Erwin Kagelmachers Tagebuch selbst zu den Geschehnissen im Juli des Jahres 1957 berichten:

„Abends kam ein Vitter Fischer an Bord - Hermann Thürke - und fragte, ob wir nicht mal auf Sprotten bei Arkona probieren wollten. Die Vitter, die mit Dorschangeln fischten, hatten Dorsche gefangen, die Spotten gefressen hatten. Es hatte seit sieben Jahren keine Sprotten mehr gegeben und wir hatten letzte Woche auch keine gehabt. Aber Hermann ließ nicht nach und ich sagte ja. Abends gingen wir zum Tanz. In der Saison war jeden Abend Tanz und die Sachsenmädels waren sehr nett. Am nächsten Morgen wurde Hermanns großes Netz klar gemacht und ein enger Steert für Sprotten angebracht. Ein Schleppgewicht bekam ich von Hermann. Wir hatten unseres in den Netzschuppen gebracht. Sein Kutter „Alma“ war in der gleichen Größe wie meiner und er hatte zwei Söhne an Bord*. Abends gingen wir nochmal tanzen. Junge Männer waren immer gefragt. Eine ganze Generation fehlte durch den Krieg. Morgens um drei ging es los. Wir liefen etwas nördlicher, als wir mit Karli Harresen aus Warnemünde gewesen waren. Drei Stunden geschleppt, 20 Zentner Sprotten. Noch zwei Hol, mit insgesamt 50 Zentnern. So viele Kisten hatten wir gar nicht mit. In Vitte war auch eine Genossenschaft, da holten wir uns welche. Abends kamen alle Kisten bei uns an Deck, eine Kiste je 40 Pfund, zwei Schaufeln Eis obendrauf und eine Plane darüber. Die Sprotten waren ziemlich klein. „Hoffentlich gibt es keinen Ärger…“. Unsere Genossenschaft hatte keine Annahmestelle mehr. Die war jetzt staatlich und auf dem Dänholm verlegt worden, in das Gebäude einer ehemaligen Werft. Die Bootsbauhalle war jetzt Fischhalle. Morgens um sieben waren wir in Stralsund und löschten unsere Sprotten. Der Chef fand sie ziemlich klein. Alle Fischsorten hatten Mindestmaße, nur Sprotten nicht. Das sagte ich ihm. Er sah im Büro nach und gab mir Recht. Wir nahmen drei Tonnen Eis, davon eine Tonne als Freundschaftsdienst für die Vitter Genossenschaft und hundertfünfzig Kisten. Dann ging es wieder zurück nach Vitte. Wir hatten noch einmal fünfzig und einmal sechzig Zentner, dann konnten sie uns keine mehr abnehmen. Sie hatten keine Fässer mehr. Zum Räuchern waren die Sprotten zu klein und so hatten sie die ganzen Fische in Heringsfässern in einer Essig-Gewürzlake eingelegt. Als sie nach vier Wochen ein Fass aufmachten und probieren wollten, hatten sich die Sprotten aufgelöst. In den Fässern war nur noch trübe Brühe. Wahrscheinlich hatten sie nicht genügend Salz beigefügt. Wir hatten auch eine Schüssel voll eingelegt und uns war es genauso gegangen. Mit mehr Salz hat es geklappt. Der Chef von der Abnahmestelle bekam große Schwierigkeiten, wegen Vergeudung von Volksgut…“.

 

Uwe Grünberg 

 

Herzlichen Dank für ihre Mithilfe bzw. für die Informationen an Sven Thürke, Peter Thürke, Heinz Gau, Hubert sowie Johannes Thürke!

*Die Söhne von Hermann Thürke hießen Rudi Thürke und Fred "Ole" Thürke. Der dritte Sohn, Peter Thürke, lebt noch heute in Vitte. 

Bildquellen:

Bild 1: Uwe Grünberg
Bild 2: Sammlung Erwin Kagelmacher
Bild 3: Uwe Grünberg

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