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Rostock, den 22.11.2016 - 21:15 Uhr

 

Der aus Stralsund stammende ehemalige Fischer Erwin Kagelmacher verstarb bereits am 22. Juli 2016 im Alter von 87 Jahren. Erwin war einmal Bootseigner von STR. 6, der heutigen FZ 110 „Fortuna“.


Und wenn ich auf den tiefsten Grund des Meeres sinke,

würde ich nie tiefer sinken

als in die ausgestreckte Hand meines Heilands

(nach Gorch Fock)

 Erwin

08.05.1929 - 22.07.2016

Mit Fischer Erwin Kagelmacher ist ein überaus liebenswerter und bescheidener Mensch gegangen. Erwin und seine Karen wollten sich im Leben und im Tod immer nahe sein. Beide haben am 17.03.2017 ihr Wellengrab vor der Insel Fehmarn bekommen, unweit vom Südstrand wo einst das kleine Strandhäuschen mit dem roten Fliederbusch stand, welches sie so liebten. Für Erwin hat sich damit der Kreis genau an jener Stelle geschlossen, an der er mit seinem Flunderboot STR. 6 am 06. September 1960 den Weg in die Freiheit suchte.

Erwin Kagelmacher wurde am 08. Mai 1929 in Berlin geboren. Sein Vater Otto Kagelmacher stammte aus einer kinderreichen Stralsunder Fischerfamilie. Als Tischlergeselle war dieser während der Wanderschaft in der Hauptstadt „hängen geblieben“ und hatte geheiratet. Im Jahr 1933 siedelte die Familie nach Stralsund über, wo Otto Kagelmacher die Fischerei eines Altfischers übernehmen und im Jahr 1934 ein Zeesboot erwerben konnte. Auf diesem Boot, der heutigen FZ 73 „Un Ick“, ist Erwin groß geworden. Er musste es später, bei seiner Flucht in den Westen, schweren Herzens zurücklassen und sollte es nie wieder zu Gesicht bekommen.


Bereits während der Kindheit infiziert, war der Fischfang Erwins Leben. Ein festes Zuhause kannte er nur in Verbindung mit Ausschlafen und Wäschewechsel. Dann zog es ihn sofort wieder hinaus aufs Wasser. Erwin war ein tüchtiger Jungfischer. Verständlich, dass sich für ihn damals nicht die Möglichkeit einer festen Beziehung, geschweige denn zur Gründung einer Familie bot. Das kam für ihn alles erst sehr viel später.

Erwin Kagelmacher war kein Mann der großen Worte. Aber er brachte sein Leben aufs Papier, in drei DIN A4 Heften, zu jeweils 140 Seiten. Band I seiner Memoiren beinhaltet mit dem Zeitraum von 1929 bis 1961 die Zeit seiner Kindheit und Jugend. Sie war verbunden mit der Zeesenfischerei auf des Vaters Rundgatt-Zeesboot sowie dem nach dem Krieg erfolgten Erwerb und Umbau eines ehemaligen Flunderbootes - meiner heutigen "Fortuna". Diese Niederschrift in Tagebuchform ist heute ein wertvolles Zeitzeugnis. Man kann detailliert das Leben und Arbeiten einer Stralsunder Fischerfamilie in der ersten Hälfte der 20. Jahrhunderts rekonstruieren.

Erwins Aufzeichnungen beinhalten auch die Umstände der Republikflucht im Jahr 1960. 1961 musste das Flunderboot mit der aktuellen Kennung BUR. 4 einem neuen Kutter weichen. Auch nach der Zeit der Fischerei blieb Erwin Kagelmacher dem nassen Element treu. Er war als Crewmitglied auf dem Seenotrettungskreuzer John T. Essberger der DGZRS auf Fehmarn im Einsatz. Auch in dieser Zeit, ja sogar während der liebgewonnenen Urlaubsaufenthalte in Norwegen, konnte Erwin die Finger nie ganz von der Fischerei lassen.

Den letzten, bis 1961 mit meinem Boot aktiven Fischer im Jahr 2013 noch ausfindig zu machen und bei guter Gesundheit anzutreffen, war für mich wie ein Sechser im Lotto. „Fortuna“ hat durch Erwin Kagelmacher wieder ein Gesicht bekommen. Ein Kapitel ihrer Fischereigeschichte wurde durch die zahlreichen Überlieferungen des Fischers und anhand von Fotos wieder lebendig. Aufgrund des ältesten Fotos, auf dem noch die originale Decksaufteilung zu erkennen ist und anhand von Erwins Beschreibungen, wird gegenwärtig eine Rekonstruktionszeichnung angefertigt. Damit wäre das einzige noch aus der Zeit der Segelfischerei erhaltene pommersche Flunderboot für die Nachwelt dokumentiert.

Erwin und ich mochten uns vom ersten Augenblick an. Wie bereits erwähnt, redete er nicht viel, wie man es den Fischern allgemein nachsagt. Das in seiner überaus ruhigen Art zum Ausdruck gebrachte, hatte jedoch „Hand und Fuß“. Es traf auf den Punkt. Ich konnte mir etwas darauf einbilden, dass Erwin ans Telefon kam, wenn ich anrief, was er gewöhnlich nicht tat. Als wir uns das erste Mal an Bord der „Fortuna“ trafen, sagte er mir unter vier Augen: „Du weißt aber, dass Du eine Beziehung zu solch einem Boot aufbauen musst? Du musst auch mal mit der Hand darüber streichen und mit ihm reden! Das braucht ja nicht unbedingt jemand zu sehen“. Er demonstrierte es, indem er mit seiner Hand mehrfach über die Süllkante strich.

 
Erwin, Farewell mein Freund – Das Boot ist in guten Händen!

Dein Uwe

Bildquellen:
Bild 1: Sammlung Karen Hanko-Kagelmacher

Bild 2 u. 3: Memoiren Erwin Kagelmacher
Bild 4: Volker Stephan
Bild 5: Katrin Hofmann

 

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