Zeesboote

Newsblog-Archiv

2016

(6 Artikel)

2015

(14 Artikel)

2014

(9 Artikel)

Rostock, den 21.11.2018 - 15:00 Uhr

 

Der heutige Beitrag erschien im September bereits im Programmheft zur 54. Großen Bodstedter Zeesbootregatta. Nun soll er, zusammen mit weiteren Fotos, die Informationen auf der Registerkarte von FZ 104 ergänzen.


Martin Rurik, Eigner des Zeesbootes FZ 104 „Bernstein“, fragte mich im vergangenen Jahr, ob ich nicht etwas mehr über den Ursprung und die Geschichte dieses Bootes herausfinden könne. Insbesondere das Baujahr und die Bauwerft waren nicht eindeutig zuzuordnen.
 
 
Bild 1: Eigner Frido Bengelsdorf im Ruderhaus der ehem. UMM. 3
 

Beginn der Nachforschungen

Die Suche nach Voreignern ergab, dass der letzte Fischer, Hans Uerkvitz, lange verstorben war und keine Nachfahren hatte. Mit Klein Kubitz auf Rügen konnte ich aber schon mal den einstigen Heimathafen der ehemaligen UMM. 3 herausfinden. Also weiter im Programm: Als erster Sportbooteigner der späteren „Daddeldu“ stand Fredo Bengelsdorf aus Stralsund im Bootsregister. Das Telefonbuch zeigte einen „Frido“ Bengelsdorf an und der nachfolgende Anruf brachte auf Anhieb einen Treffer. Herr Bengelsdorf, heute Mitte 80, hatte das Fischereifahrzeug im Jahr 1968 auf der Slip der Dinse Werft gesehen und Interesse an dem Boot bekundet. Bald darauf konnte er Fischer Uerkvitz das zum Reusenmotorboot umgebaute, ehemalige Zeesboot abkaufen und nach Stralsund überführen. Als ich hörte, dass viele Fotos vom Aufbau und aus der Fahrenszeit der „Daddeldu“ existieren, war ich nicht mehr zu bremsen und vereinbarte gleich ein erstes Treffen bei Fam. Bengelsdorf.
 
Bild 2: UMM. 3 - 1968 auf der DinsewerftBild 3: Der Zeesbootkutter nach der Überführung von der Insel Rügen (1969)Bild 4: Die ehemalige UMM. 3 im Winter 1969/70 im Kanal
 
 
Übergang von Klinker zur Kraweelbauweise
 
Viele pommersche Bootsbauer gingen im Wandel der Zeit, auch beim Bau großer Spitzgatter, zur Kraweelbauweise über. Die Bootswerft von Christian Jarling in Freest gilt diesbezüglich als eine der letzten und stellte den Bootsbau erst Ende der 1920er Jahre um. Die heute erhaltenen, geklinkerten ehem. Manzen- oder Zeesboote stammen folglich aus dem Zeitraum davor und gehören damit zur älteren Generation. Bootsbaumeister Nils Rammin glaubte in der Rumpfschale der „Bernstein“ die Handschrift des Bootsbauers „Fünning“ zu erkennen, vergleichbar mit einem weiteren erhaltenen Klinkerboot. In Bezug auf dieses Fahrzeug, wurde das Baujahr der „Bernstein“ auf 1921 geschätzt.
Wie sich später herausstellte, sollte Nils mit seiner Einschätzung nicht ganz verkehrt liegen…
 
 
Treffen bei Fam. Bengelsdorf in Stralsund
 
Bereits kurz nach meinem Telefonat, saßen meine Frau und ich bei den zwei überaus netten älteren Leuten am Stubentisch, um die dicken Fotoalben aus ihrer Zeit mit „Daddeldu“ durchzusehen. Als Leidensgefährte (Besitzer eines alten Holzbootes ;o) wird man schnell miteinander warm und weiß genau, wovon der andere spricht, wenn es z. B. um Plankenwechsel oder ähnliche Dinge geht. So hielten die Reparatur und der Aufbau einer Kajüte, auf der Dinsewerft, den damaligen Sportlehrer Frido Bengelsdorf bis zum Jahr 1975 in Schach. Ohne die Unterstützung von Werftbesitzer Albert Dinse, wäre dieses Unterfangen unmöglich gewesen, sagt Frido Bengelsdorf. Dieser stand dem Hobbybootsbauer mit Rat und Tat zur Seite, ob es nun um Material handelte, oder um die Nutzung von Maschinen in der Werkstatt.
 
Bild 5: Werftbesitzer Albert Dinse (rechts) steht mit Rat & Tat zur Seite (1975)Bild 6: Werftbesitzer Albert Dinse steht mit Rat & Tat zur Seite (1975)Bild 7: Werfteigner Albert Dinse (Sohn von Werftgründer Richard Dinse)
 
 
Stapellauf und Zeit als Freizeitkutter
 
Am 13.07.1975 war es endlich soweit, dass „Daddeldu“ wieder seinem Element übergeben werden konnte. Es folgte eine Zeit jährlicher Familienurlaube auf Hiddensee, Rügen (Breege, Seedorf u. Rakswiek) und auch des Öfteren in Prerow. Im Jahr 1982 kam der Kutter erst sehr spät ins Wasser. Der Pflege- und Erhaltungsaufwand solch eines großen Holzbootes nimmt bekanntlich einen Großteil der Freizeit in Anspruch. Schließlich wurde „Daddeldu“ ein Jahr später nach Ribnitz-Damgarten verkauft. Der weitere Werdegang ist auf der Registerkarte von FZ 104 „Bernstein“ zu finden.
 

 

Ergebnis der Bootsrecherche
 
Die wichtigste Erkenntnis zum Schluss: Die heutige FZ 104 „Bernstein“ wurde nach Überlieferung des Fischers Hans Uerkvitz im Jahr 1903 erbaut. Auf die Frage nach der Bauwerft, nannte Herr Bengelsdorf die Bootswerft Dinse in Stralsund. Durch meine Recherchen beim Stadtarchiv Stralsund wusste ich, dass dies nur umgangssprachlich gemeint sein konnte. Denn Bootsbaumeister Richard Dinse hat die Werft erst im Jahr 1913 übernommen. Zuvor befand sich an gleicher Stelle, seit dem 01.04.1901, die Bootswerft von Carl Fünning. Nachdem der Werftbesitzer verstarb, wurde der Betrieb von der Witwe Minna Fünning und dem Sohn Erdmann noch bis zum 01.10.1913 aufrechterhalten.
 
Seit Jahren hörte ich von den Fischern Geschichten von einem Bootsbauer Fünning, der u. a. auf Hiddensee mehrere Boote unter freiem Himmel aufgelegt haben soll. Dieser war für mich lange Zeit ein Phantom. Ich stellte zwar einen möglichen Bezug zur Bootswerft Fünning in Stralsund her, aber es gab auch einen Wolgaster Zweig dieser Bootsbauerfamilie, welche einst aus Neuwarp am Stettiner Haff gekommen sein soll. Erst von dem kürzlich verstorbenen ehemaligen Vitter Manzenfischer Theodor Thürke erfuhr ich, dass der vollständige Name des Bootsbauers Erdmann Fünning war, dass dieser nach Aufgabe der Stralsunder Werft als fahrender Bootsbauer arbeitete und auch einen Bootsbauschuppen beim alten Posthaus auf der Halbinsel Bug besaß. Am 09.10.1941 taucht der Name Erdmann Fünning, mittlerweile 60-jährig, auf der Kröger-Werft in Warnemünde wieder auf. Das SPD-Mitglied wurde verhaftet und am 21.01.1942 zu 10 Jahren Zuchthaus verurteilt, weil es Nachrichten des Londoner Rundfunks über die Verluste und die Lage an der Front unter seinen Arbeitskollegen verbreitete. Nach dem Krieg, bis zu seinem Tod, lebte Fünning weiterhin in Rostock.
 
Erdmann Fünning dürfte also einst im väterlichen Betrieb in Stralsund „seine Handschrift“ am Rumpf der FZ 104 hinterlassen haben. Erfahrene Fachleute, wie Nils Rammin, die einen Blick für bootsbauerische Details haben, wissen dies heute noch einzuordnen. Beim Baujahr hat sich gezeigt, dass es sich bei der „Bernstein“ um ein weitaus älteres Fahrzeug, noch aus der Zeit der Stralsunder Bootswerft Fünning handelt. Sie stammt also nicht aus dem Zeitraum danach, in welchem Fünning als fahrender Bootsbauer gearbeitet hat. Ein weiterer erhaltener Bootsrumpf aus der Stralsunder Zeit ist das Museumsboot „Fischer Hebert“, welches im Freigelände des Darß-Museums Prerow ausgestellt ist.
 
 
Uwe Grünberg
 
 
Bildquellen: Mit freundlicher Genehmigung Fam. Frido Bengelsdorf
 

Aktuelle Beiträge

Newsbox

21.11.2018
Die meisten Veranstaltungstermine für das Jahr 2019 wurden bereits eingestellt. Alle Angaben ohne Gewähr.

Weiterlesen.....

Besucherstatistik

Heute 46

Gestern 72

Woche 118

Monat 1518

Insgesamt 218079

Aktuell sind 14 Gäste und keine Mitglieder online