Zeesbootregister

 
 

Registriernummer/Bootsname:

Klasse: Große Klasse
Status: "unter Segeln"

FZ 110 < FORTUNA >

Allgemeine Bootsdaten

Baujahr: 1910
Bauwerft: Jarling-Werft / Freest
Baunummer: 86
Rumpfausführung: Spitzgatt, konvexer Vorsteven
Beplankung: Eiche - geklinkert
Rumpflänge über Steven: 12,60 m
Länge über alles (l.ü.a.):  
Rumpfbreite über Scheuerleiste: 4,20 m 
Tiefgang (ohne/mit Schwert): 0,90 m
Verdrängung: ca. 13 Tonnen (plus 1,4 Tonnen Innenballast)
Takelung: Ketsch
Segelfläche: ca. 110,00 m²

Motorisierung

1920er Jahre 1 Zyl. Deutz Glühkopfmotor (20 PS)
1955- 3 Zyl. Jastram Diesel - generalüberholt (60 PS) 
nach 1961-1981 Mercedes Diesel (110 PS) mit Reversegetriebe
2007-2013 3 Zyl. Vetus-Mitsubishi M3-28 (28 PS)
2014- 4 Zyl. Perkins 4.236 (84 PS)

Überholung

1953-1955 Generalreparatur auf dem Dänholm (Tonnenhof). Durch Bootsbauer erfolgte der Austausch der meisten  Spanten sowie eine fast vollständige Neubeplankung des Rumpfes (7 Plankengänge geklinkert + 3 obere Plankengänge kraweel) Entfernung von Schwertkasten u. Bünn. Anbringung eines Loskiels
 
Fertigstellung des Umbaus zum Motorkutter auf der Wessel-Werft in Lauterbach (neues Deck, Schanzkleid u. Ruderhaus) Motoreinbau in Stralsund
1981-1986 Entfernung von Betonballast, Aufbauten, Deck- u. Decksbalken durch
den Eigner. Die nachfolgende Rekonstruktion wurde aufgegeben. Der
Rumpf blieb darauf hin an Land aufgelegt
1996 Beginn der Rekonstruktionsarbeiten auf der Museumswerft Flensburg
2007 Fertigstellung des Bootes auf der Museumswerft Flensburg im Rahmen
eines Förderprojektes
10/2013 - 09/2014 Generalüberholung und Umbau durch den Eigner u. die Werft Rammin (u. a. Entfernung von Betonballast, Konservierung u. Überholung des Rumpfes, neuer Achtersteven, Austausch von 26 lfm. Planken am Achterschiff, Nachdichten von Deck u. Rumpf, neues Maschinenfundament, neue Maschinen- u. Wellenanlage, neuer Schwertkasten, Entfernung des achtern vorhandenen Loskiels, Umbau von Ruder u. Ruderaufhängung, Rekonstruktion des Segelbalkens, neuer Fußboden, neuer Leuwagen (Fock) zusätzlicher Leuwagen (Großschot), Austausch laufendes Gut, Typisch pommersche Auftakelung
2015 Bau eines Holzschwertes (Eigner & Peter Zobel)
Anbau eines klappbaren Klüverbaumes auf der Werft Rammin
2016 Austausch des stehenden Gutes (Wanten mit traditionellem Taljereep) neue Gaffel

Eigner-/Bootshistorie

Eigner Heimathafen Reg.-Nr./Name Zeitraum Bemerkung
Johann Klook Freest Fortuna 1910-1920er Segelfischerei
als Flunderboot/Scherboot
Robert Röber Stralsund STR. 27 Fortuna 1920er-1952 Motoreneinbau - als Scherboot
in der Schleppnetzfischerei
(Boot 1945 im Kanal aufgelegt)
Erwin Kagelmacher Stralsund STR. 6 1952-1956 Umbau zum Motorkutter
Schleppnetz- u. Tuckfischerei
FPG Vorwärts Stralsund STR. 6 1956-1960 als Motorkutter (Brigade 1)
Tuckfischerei auf der Ostsee
Erwin Kagelmacher Burg/Fehmarn BUR. 4 1960-1961

als Motorkutter
Schleppnetz- u. Tuckfischerei auf der Ostsee (letzter Fischer)

unbekannt Kiel Paco I 1961- als Sportboot/Wohnschiff
unbekannt Tönning Paco I        -1980 als Sportboot
unbekannt Tönning Paco I 1980-1986 seit 1981 an Land aufgelegt
Museumshafen Flensburg Flensburg Fortuna 1986-2003 Rumpf konserviert/aufgelegt Beginn der Rekonstruktion
Museumswerft Flensburg Flensburg Fortuna DMIC 2003-2007 Aufbau in Anlehnung an eine zeesboottypische Gaffelketsch
KJHV gGmbH Kiel Flensburg Fortuna DMIC 2007-2013 als zeesboottypische Gaffelketsch, für Vereinszwecke
(Jugendschiff, MH Flensburg)
Uwe Grünberg Bodstedt FZ 110 Fortuna
DMIC
2013- Generalüberholung & Umbau
als Traditionsboot (FZ-Klasse)

Allgemeine Anmerkungen

Aus den Fischereiunterlagen und mündlichen Überlieferungen von Fischer Robert Röber ist bekannt, dass "Fortuna" im Jahr 1910 auf der Bootswerft Jarling in Freest als Segler für die Flunderfischerei an der Außenküste gebaut wurde. Tatsächlich geht aus dem Geschäftsbuch Nr. 1 des Freester Bootsbaumeisters Christian Jarling hervor, dass in diesem Jahr zwei große "Schörboote" mit fast identischen Abmaßen für Freester Fischer gezimmert worden sind. Während die Baunummer 86 für einen Johann Klook gebaut wurde, war die Baunummer 87 von den Fischern Richard u. Ehrenfried "Ehrfried" Lettow beauftragt. Bei Bau-Nr. 86 muss es sich um "Fortuna" handeln, denn die Geschichte des Schwesternschiffes (Baunummer 87) ist als "Selma" bis zum Jahr 1958 lückenlos dokumentiert. Danach verliert sich ihre Spur...

Dank Ahnenforschung ist zurückzuverfolgen, dass am 18. Oktober 1860 in Freest ein Johann Michel Carl Klook geboren wurde. Er stammte aus einer Fischer- und Seefahrerfamilie. Anfangs war er als Arbeitsmann auf einem Dampfbagger in Stralsund tätig, ist aber später - bis zu seinem Tod am 14. April 1934 - als Fischer in Freest verzeichnet. Als Johann Klook am 29. Januar 1910 sein Schörboot von Jarling ausgeliefert bekommt, ist er bereits im 50. Lebensjahr. Sein erstgeborener Sohn und erhoffter Nachfolger, Karl Klook, wird am 03. Januar 1888 geboren. (Quelle: Herzlichen Dank an Familienforscherin Gabi Neumann von der Insel Rügen)

Auf der Webseite Denkmalprojekt.org sind die Inschriften eines Freester Kriegerdenkmals zu finden. Hier ist verzeichnet, dass der 27-jährige Infanterist Karl Klook am 04.03.1915 nach einer Verwundung verstorben ist. Fischer Johann Klook muss die Fischerei mit dem großen Flunderboot in den Jahren nach dem 1. Weltkrieg aus Altersgründen und ohne einen Nachfolger aufgegeben haben. So gelangte "Fortuna" in den 1920er Jahren schließlich von Freest nach Stralsund, in die Hände von Fischer Robert Röber. Den genauen Zeitpunkt gilt es noch herauszufinden.

Heute ist der Rumpf der "Fortuna" das letzte erhaltene Zeugnis vom Typus eines Flunderbootes (Streuer, Flunderstreuer) aus der Zeit der Segelfischerei. Flunderboote haben ursprünglich mit dem sogn. Flundersack/-beutel/-streuer gefischt und sollen zu ihrer Zeit die größten Boote an der vorpommerschen Küste gewesen sein. Um 1900 kamen Scherbretter zum Aufspreizen des Netzes zum Einsatz (amtl. Bezeichnung: Scherboot auch Scheerboot, plattdt. Schörboot, Schörer). Man ging zur Fischerei mit dem Zeesnetz über. Da der ursprüngliche Einsatzort der Flunderboote hauptsächlich die flachen Schären vor der Küste waren, wurden die Rümpfe auf Kielsohle gebaut und mit einem Schwert ausgerüstet. Ihre im Verhältnis zu den Boddenbooten abweichende Größe und Bauform (erhöhter Rumpf, Eindeckung, Schanzkleid, größerer Fischraum, einmastige Takelung) resultierte ebenfalls aus dem Einsatzzweck an der Außenküste.

Als Nachteil dieser Segelfischerei dürfte sich erwiesen haben, dass zum Aufstellen der Scherbretter eine bestimmte Windstärke/Strömung notwendig war. Daher besiegelte das Aufkommen geeigneter Motoren schließlich dieses beschwerliche Fischereigewerk. Nach dem 1. Weltkrieg entstand ein Typ des Flunderbootes, welcher als vollständig eingedeckter, hochseetüchtiger Kutter auf Kiel ausgeführt wurde. Anfänglich handelte es sich bei diesen Booten noch um Segelkutter mit Hilfsmotor. Als stärkere Maschinen zur Verfügung standen, vollzog sich die Umwandlung zum reinen Motorkutter. Damit war der Wandel von der Schleppnetzfischerei im Küstenbereich hin zur kleinen Hochseefischerei vollzogen.

Umgangssprachlich bezeichneten die Stralsunder Fischer die Schörboote weiterhin als Flunderboote.
(Quelle: Willi Bokander)

Wahrscheinlich aus Altersgründen, bzw. wegen dem allgemeinen Niedergang der Segelfischerei, dürfte das Flunderboot "Fortuna" nach dem 1. Weltkrieg von Fischer Klook abgestoßen worden sein. Das Fangfahrzeug war ohne eine leistungsstarke Maschine nicht mehr konkurrenzfähig. Es wurde nach Stralsund verkauft. Vom neuen Eigner, Fischer Robert Röber, wurde es durch den Einbau eines 1 Zyl. Deutz (20 PS) auf den Stand der Technik gebracht. Als das alte aufgebrauchte Flunderboot schließlich im Jahr 1952 von Fischer Erwin Kagelmacher erworben wurde, war auch dieser alte Glühkopfmotor nicht mehr zeitgemäß.

Die aktuellen Recherchen zur Fischereigeschichte sowie zur Bauhistorie der "Fortuna" wurden in einzelnen Beiträgen zusammen gefasst und im Newsblog veröffentlicht. Auszüge aus den Memoiren von Fischer Kagelmacher, welche auf seinen alten Bordtagebüchern basieren, wurden bisher in folgenden Beiträgen verarbeitet: (1) (2)

Nach 1961 wurde die "Fortuna" als Sportfahrzeug (Motorkutter mit Kajütaufbau) sowie als Wohnschiff und für Hochseeangelfahrten genutzt. Nach mehreren Eignerwechseln und Umbauten lag der Rumpf, der bereits mehrfach untergegangen war, im Tönninger Hafen und befand sich in einem schlechten Zustand. 1981 musste er schließlich aus dem Hafengelände entfernt werden. Nach einigen erfolglosen Instandsetzungsversuchen in Eigenleistung überließ der letzte Eigner den mittlerweile auf einem ehem. Kohlenhof aufgelegten Rumpf im Jahr 1986 dem Museumshafen Flensburg. Nachdem dieser durch den Verein entkernt und konserviert worden war, lagerte man ihn für mehrere Jahre auf dem Gelände des Museumshafens. Im Jahr 1997 begann dann die Rekonstruktion im Rahmen eines sozialen Projektes auf der Museumswerft Flensburg. In Folge einer Beschädigung durch Brandstiftung, ging der Rumpf schließlich vom Museumshafen auf die Museumswerft Flensburg über.

In den Jahren 2007-2008 wurde das Fahrzeug innerhalb eines TV-Projektes des Kinderkanals KI.KA "Platz für Helden! - Ein Schiff für Flensburg" auf der Museumswerft fertig gestellt und an den Kinder- und Jugendhilfe Verbund gGmbH Kiel (KJHV) übergeben. Zum Betreiben des Bootes wurde der "Fortuna Flensburg e.V. Förderverein" gegründet. "Fortuna" lag bis Oktober 2013 im Museumshafen Flensburg und diente im Rahmen sozialer Projekte als Jugend- u. Familienschiff.

Im Oktober 2013 wurde das Boot durch den jetzigen Eigner auf die Werft Rammin nach Barth überführt, wo es in enger Zusammenarbeit mit der Werft generalüberholt und umgebaut wurde. Der neue Heimathafen ist Bodstedt.

Registriernummer: FZ 110
Unterscheidungssignal: DMIC

(Im Piekfall Nr. 32/86 u. 33/87 wurde das damals dem Museumshafen vorliegende Material veröffentlicht)

 

2005-2014 Braune-Segel.de

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