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Rostock, den 30.09.2014 - 21:30 Uhr

Als die Flensburger Bootseigner einst den ehemaligen Fischer Erwin Kagelmacher (85) zur Begutachtung seines ehemaligen Kutters "Fortuna" nach Flensburg einluden, fragte dieser nach einer Weile: „Warum sagt ihr eigentlich immer Zeesboot? Das ist kein Zeesboot, sondern ein Flunderboot“!

Auf diese Frage kannte man keine Antwort. Hatte man doch aus der DDR die Information, dass es sich bei dem geklinkerten, auf Kielsohle und mit Schwert gebauten Fahrzeug um ein pommersches Strandboot vom Typus einer Quase oder Quatze (plattdt. Quatsch) handeln würde. Diese Bezeichnungen beziehen sich auf den wasserdurchflossenen Fischraum. Alles in allem besitzt "Fortuna" die wichtigsten Merkmale, die ein Zeesboot ausmachen. Nur die Größe des Rumpfes wich mit knapp über 12m Länge und etwas über 4m Breite von den üblichen Boddenbooten ab. Nach und nach begriff man, dass man es bei dem noch zur Zeit der Segelfischerei erbauten Rumpf wohl mit dem letzten Zeugnis seiner Art zu tun hatte. Mit einem pommerschen Flunderboot…

Fischer Kagelmacher wusste aus seiner Heimat Stralsund genau was ein Zeesboot ist. Schließlich wuchs er auf dem Rundgattboot STR. 117 des Vaters, der heutigen FZ 73 „Un Ick“, praktisch mit der Treibzeesenfischerei auf. Schon sein Opa Wilhelm Kagelmacher, der „Alter Schwede“ genannt wurde, traf sich in der Saison mit anderen Zeesenern zur Drift vor Lauterbach auf Rügen. Auch der Onkel, Walter Kagelmacher, besaß mit seiner STR. 21 ein Zeesboot, welches heute noch als Boddenkutter UMM. 1 im Fischereibetrieb ist.   Der „Deutsche Fischereialmanach“ gibt Auskunft darüber, dass „Fortuna“ als STR. 27 unter dem Stralsunder Fischer Robert Röber registriert war. Erst nach 1920 erhielt das Boot einen 1. Zyl. Deutz Glühkopfmotor, mit einer Leistung von 20 PS. Fischer Röber fuhr mit dem Kutter gewöhnlich beim Bock auf die Ostsee hinaus und fischte vor Hiddensee. Nachdem er im Jahr 1945 aus Altersgründen die Fischerei aufgab, lag sein Flunderboot für einige Jahre im Stralsunder Kanal auf.


Was sind eigentlich Flunderboote?

Die zur Zeit der Segelfischerei gebauten Flunderboote (Streuerboote) waren von ihrer Bauart mit den Zeesbooten der Boddenküste verwandt. Es gab Rumpflängen von ca. 6,5m bis über 12,00m und Breiten bis knapp über 4,00m. Sie waren auf Kielsohle anfangs mit Seiten- oder Stechschwert, später mit Mittelschwert gebaut und bis zum Mast eingedeckt. Die Boote waren einmastig, gaffelgetakelt, mit oder ohne Klüver, Stagfock, Gaffelgroßsegel u. Gaffeltoppsegel. Gegenüber den Boddenbooten waren sie mit einem Schanzkleid versehen und hatten einen größeren Fischraum. Die großen Streuerboote traten vermehrt um 1900 in den Gebieten Rügen, Hiddensee, die Peene hinunter,  bis in die nördliche Haffregion auf. Gefischt wurde anfangs nur in den Flachwasserbereichen der Außenküste. Mit dem 1. Weltkrieg verschwand diese Art der Segelfischerei auf Hiddensee bereits wieder. Mitte der 1920er Jahre fanden die ersten Motoren bei Stralsunder Fischern Einzug. Damit ging man nach und nach zur Seefischerei mit größeren, vollgedeckten Motorkuttern über.

Vermutlich ist die Fischerei mit Flunderbooten aus den offenen Flunderjollen entstanden, welche in Stralsund um 1875 erwähnt wurden. Diese haben mit einem 10 Ellen langen Schleppnetzsack (Flundersack- oder Beutel) gefischt. Als Überbegriff dieser Art der Fischerei galt das Wort "Streuerfischerei". Wie das Fanggerät, wurden auch die Boote als Streuer bzw. Streuerboote bezeichnet. Der Begriff leitete sich von den Strohbüscheln (Streu) ab, welche an langen Leinen vor dem Fanggeschirr als Scheuchmittel befestigt waren.
 
Auf der offenen See kamen die größeren Flunderboote zum Einsatz, die meist in Sichtweite zur Küste fischten. Die Fischer haben mit diesen halboffenen Booten aber auch gefahrvolle Überfahrten zur dänischen Küste auf sich genommen, um in entfernten Fanggründen, wie bspw. im dänischen Grönsund, auf Plattfisch zu gehen. In den Anfängen fischten zwei Boote mit dem Flundernsteuer im Gespann (auf Hiddensee "Tweispänner" genannt). Mit dem Aufkommen von Scherbrettern ging man um 1900 zum Fischen mit der Scherbrettzeese über, wobei genügend Wind vorherrschen musste, um die nötige Triftgeschwindigkeit zum Auseinanderspreizen der Scherbretter zu erreichen.

Dr. Hermann Fraude schreibt 1925 über die Stralsunder Scherboote: „In langer Reihe liegen die Schörboote aufgeschleppt, andere warten im Kanal auf frei werdende Plätze. Neues Tauwerk und neue Blöcke werden eingeschoren, das Deck und der Boden werden frisch abgedichtet. Faule Stellen, die „Rottnester“, werden ausgestemmt und erhalten Spunde. Wer draußen bei Möen und im grünen Sund fischen will, oder an der Außenküste bei Arkona, unter Saßnitz und Göhren, darf keinen faulen Kram fahren.“ Weiter schreibt Fraude: „Alle diese Vorbereitungen gelten der Flunder, die im Frühjahr in der tiefen See ihr Laichgeschäft besorgt hat und sich über Sommer gerne auf flachen Sand- Kies- und Muschelbänken aufhält. Wer zur Sommerszeit von den Höhen des Nordpeerds oder bei Sellin Ausschau hält, kann dreißig und vierzig Segel zählen, die weit draußen am „Saum“ hin und her arbeiten. Die einen treiben gerade, das Netz mit den sich öffnenden Scheerbrettern ist ausgeworfen und rafft die Flundern, die am Tag faul auf dem Grunde liegen, zusammen. Andre Boote luven auf und holen das Netz ein. Wieder andere segeln auf zu einer neuen Trift.“

Für die großen Streuerboote benutzte man mit dem Aufkommen der Scherbretter also die Bezeichnung Scherboot (Schreibweise auch Scheerboot oder plattdt. Schörboot). Am Liegeplatz waren die Boote gewöhnlich mit zwei Ankern in der Brandung verankert. Bei Sturm wurden sie mit Hilfe einer Winde auf den Strand gezogen oder man verlegte sie auf die geschützte Boddenseite. Die kleinen, in den Boddengewässern beheimateten Boote, welche hier nicht im Gespann oder mit Scherbrettern fischen durften, nannte man hingegen weiterhin Streuerboote bzw. Streuerjollen. Ihr Fischereiprinzip, das Streuern, hat sich unter Motor bis in die Gegenwart hinein erhalten.

Der hohe Einsatz an Körperkraft und Material wurde einst von nur 2 Mann bewerkstelligt. Eine Netzwinde zum Einholen des Fanges gab es anfangs nicht. Bei diesen kleinsten Bootskommünen hatte jeder Fischer einen halben Anteil am Boot und an den zwei Fangleinen. Ein Fischer hatte den Flundersack zu stellen, während der andere Anker u. Ankerleine einbringen musste. War das Netz eines Tages verschlissen, so kehrte sich die persönliche Beitragsleistung um. Auf Hiddensee waren in der Zeit zwischen 1905 und 1914 insgesamt 12 große Flunderboote im Einsatz. Die nach dem 1. Weltkrieg übrig gebliebenen Boote wurden aufgrund ihrer Größe und Bauart vorzugsweise zu Motorkuttern oder zu Zeesbooten umgerüstet.  

Nun zurück zu Fischerfamilie Kagelmacher:

Fischer Otto Kagelmacher empfahl seinem Sohn Erwin, welcher mit der mittlerweile vom Zeesboot zum Kleinkutter umgerüsteten STR. 117 zwischen Darss u. Hiddensee im Plantagenetgrund fischte, sich ein größeres, für die Schleppnetzfischerei geeigneteres Fahrzeug zuzulegen. Man wurde auf ein im Kanal liegendes, heruntergekommenes Flunderboot aufmerksam.

Immerhin erzielte Robert Röber für seine alte STR. 27 noch die damals stolze Summe von 2000 Mark. Auch der kurzzeitige Mitfischer von Erwin Kagelmacher, Willi Bokander (89) kennt den Voreigner, Fischer Röber, noch persönlich und bestätigt die Geschichte der „Fortuna": „Robert Röber hat im Alter bei seiner Tochter in der Barther Straße, im Haus des Dachdeckers Keil gewohnt. Sein Bruder Friedrich Röber hatte den Kutter < Hindenburg >“. Von Fischer Robert Röber soll überliefert sein, dass die Bootswerft Jarling diesen Typus "Flunderboot" ursprünglich für die Strandfischerei auf Usedom gebaut haben soll. Die Boote waren leicht gebaut, damit sie besser aufgeholt werden konnten. Genau das muss auch Dr. Wolfgang Rudolph recherchiert haben, weil er es dem Museumshafen Flensburg in einer gutachterlichen Stellungnahme mitteilte. Ein weiteres Indiz, dass Röbers Kutter als Flunderboot gebaut wurde, ist nach E. Kagelmacher, dass der Fischkasten sehr große Löcher hatte: „Der war nicht für Aale ausgelegt. Die Flundern brauchten eine gute Frischwasserzufuhr, damit sie nicht starben. Man musste den Deken immer mit einem Besen durchrühren, weil die Plattfische sich vor die Löcher legten“.

Nachdem man das Boot zum Tonnenhof auf dem Dänholm gebracht hatte, begann der Umbau zum vollgedeckten Motorkutter. Von dem alten Flunderboot, welches ursprünglich sehr filigrane Spanten und Planken aufwies, blieben schließlich nur noch die Kielsohle und zwei Bodenwrangen übrig. Nach dem Umbau behielt der Bootsrumpf zwar seine ursprüngliche Größe und Form bei, wurde aber weitaus robuster als vorher ausgeführt (kräftige Spanten sowie 45mm starke Beplankung). Die drei oberen Plankengänge über der Wasserlinie wurden jetzt kraweel ausgeführt, weil die Scherbretter beim Hieven des Netzes nicht an der Beplankung hacken bleiben sollten.

Aus der Kriegsnot heraus wurden während des Umbaus des Bootes auf dem Dänholm sämtliche Nägel gezogen, wieder gerade geklopft und mit Hilfe von Stücken eingeschmolzener Dachrinnen aus zerbombten Häusern verzinkt.  

Die Arbeiten der Bootsbauer auf dem Stralsunder Tonnenhof mussten schließlich eingestellt werden, weil ein neuer Funktionär dies nicht weiter duldete. So wurde der Rumpf mit der aktuellen Fischereinummer STR. 6 auf die Wessel-Werft nach Lauterbach geschleppt. Dort gingen die Arbeiten nur sehr langwierig voran: "Erst als mein Vater da mal richtig „auf den Tisch gehauen“ hat, wurde der Kutter fertig gestellt", erinnert sich Fischer Kagelmacher in seinen Memoiren.

Der im Boot verbaute 60 PS Jastram-Diesel stammte aus einer von zwei Barkassen vom Müritzsee, von der einstigen Warener Torpedo-Versuchsanstalt. Die Barkassen, welche beim Einmarsch der Russen im Flachwasser der Müritz versenkt wurden, dienten einst dem Einfangen der Versuchstorpedos. Nach der Hebung der Boote landeten die Motoren auf dem Schrott. Der Motor hatte sich im Süßwasser gut gehalten und war nach einer Generalüberholung wieder voll intakt. Seit 1955 fischte Erwin Kagelmacher mit seinem neuen Kutter zunächst auf eigene Rechnung in der Ostsee, vor dem Darss und Hiddensee. Das Boot führte in dieser Zeit nur die Fischereinummer. Ein Bootsname stand nicht am Rumpf.

Auch die beiden Hiddenseer Fischer Max Gau (87) und Uwe Striesow können sich noch genau an den Kutter mit dem Schäferhund an Bord erinnern, den sie Mitte der 1950er Jahre des öfteren in der Bucht vor der Kemlade bei Stralsund vor Anker liegen sahen: „Dat wier awer kein Zeesboot!“

Dann kam die Zeit der Genossenschaft. Kagelmachers STR. 6 fischte jetzt abwechselnd mit den Stralsunder Kuttern STR. 2 "Betty" (Richard Heiden) und STR. 17 "Melitta" (Walter u. Hans "Hänschen" Krüger) auf der Ostsee in einer Tuckpartie (Brigade 1 = Kutterbrigade).

Noch im Jahr 2014 erinnern sich Warnemünder und Hiddenseer Fischer an diese Partie und an den weißgrauen Kutter von Fischer Kagelmacher, der seinen Schäferhund stets mit an Bord hatte.


Eines Tages sollte Fischer Kagelmacher Hiddenseer Fischer zum Übertritt in die Fischereiproduktionsgenossenschaft (FPG) überzeugen. Aufgrund der dortigen, völlig andersartigen Struktur der Fischerei schätzte Kagelmacher ein, dass dieser Wechsel nicht ohne weiteres möglich sei. Seine Meinung führte zu Konflikten. Dem Fischer wurden aufgrund seiner Aussagen mögliche Folgen angedroht. Auch dieser ständige Druck war ein Grund dafür, dass sich Erwin Kagelmacher zur Flucht aus der DDR entschloss. Am 06.09.1960 wird unter dem Vorwand, dass die Maschine Probleme macht, Burg auf Fehmarn angelaufen.



Die „Melitta“ folgte Hagelmachers Kutter nach. Beide Boote blieben im Westen und tuckten zusammen noch bis zum Jahr 1961 vom neuen Heimathafen Burgstaken aus. Da Ladekapazität und Motorisierung für die Seefischerei zu klein waren, wurde BUR. 4 „Fortuna“ 1961 stillgelegt.

Somit endet die Fischereigeschichte der „Fortuna“.

Als Erwin Kagelmacher und seine Frau am 06.09.2014 bei der 50. Großen Bodstedter Zeesbootregatta bei FZ 110 "Fortuna" an Bord sitzen, sagt sie zu ihm: „Weißt Du eigentlich, was heute für ein Tag ist?“ Erwin nickt: „Und es ist genau so ein wunderbares Wetter wie am 06.09.1960“.

Und als er erfährt, dass wir Hiddensee lieben, sagt Erwin:
"Die schönste Insel der Welt" ;o)



Uwe Grünberg





Literaturquellen:
Reinhard Pesch - Die Fischerkommünen auf Rügen u. Hiddensee

Dr. Wolfgang Rudolph – Die Boote der Gewässer um Rügen
Dr. Hermann Fraude – Gewässer und Fischfang um Rügen
Prof. Dr. H. Henking – Die Ostseefischerei

Bildquellen:
Bild 1: Sammlung Erwin Kagelmacher
Bild 2: Uwe Grünberg
Bild 3: Fleischfresser/Hoffmann - Segler von Haff und Bodden
(aus Reichs-Marine-Amt - Beschreibung der wichtigsten deutschen Seefischerei-Fanggeräte in der Nord und Ostsee und ihre Kennzeichnung)
Bild 4-8: Sammlung Erwin Kagelmacher
Bild 9: Volker Stephan

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