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Rostock, den 06.10.2015 - 21:00 Uhr

 

Kleiner- u. Großer Plauderberg - Beim Aufräumen meines Postfaches stieß ich auf Willi Frankensteins Feuilleton über diese bekannten Straßenzüge. Hier wohnten einst viele Stralsunder Fischer, darunter auch die Zeesner. Als ich das Datum des Bombenangriffs auf die Stadt im Jahre 1944 sah dachte ich mir, dass heute genau der richtige Zeitpunkt wäre, um diesen Artikel zu veröffentlichen.  

Plauderberg
Stralsund, den 25.04.2010

Als Annaliese Deters am 6. Oktober 1944 mittags Sirenen hört, als sie die Bomber am Himmel sieht, als sie einen Luftschutzbunker aufsucht, der verschüttet wird und mit Wasser vollzulaufen droht, als sie von russischen Kriegsgefangenen gerettet wird und erfährt, dass ihr Haus in der Werftstraße und alle Gebäude am Plauderberg brennen, da ist Annaliese 12 Jahre alt. Sie fühlte sich hier heimisch. Daraus machten die Bomber eine Tragödie. Sie hat Ruinen gesehen und sie hat Geschichte schreiten gesehen, aber rückwärts. Es war alles hin. Seitdem erinnert sie sich mit Wehmut an das ausradierte Wohnquartier.

Auch Christa Klimmek, die in der Dänholmstraße gewohnt hatte, bedauert, dass die Häuser nicht wieder errichtet wurden, dass über den Plauderberg kaum gesprochen wird und dass dieser Gedächtnisort in der Erinnerungsliteratur selten vorkommt. Sie meint, dass Karthago auch nie wieder aufgebaut wurde, dass unser Gedächtnis davon jedoch noch etwas weiß. Frau Klimmek riet mir, über die Menschen, die Häuser, das Handwerk und die Geschäfte zu schreiben und darüber, wie alles in die Landschaft passte. Der Rat war gut, denn allein schon der Straßenname Plauderberg, über den man sich vergeblich den Kopf zerbrach, machte neugierig.

Dieses Motiv edler Neugier war es, nach der Herkunft dieses Namens zu fragen. Plauderberg klingt beinahe wie Pluderbarg, und so heißt eine Straße auf Hiddensee, die gleich neben der Straße Schabernack in Neuendorf liegt. Beide Namen werden als Scherznamen, respektive als Ökelnamen verstanden. Kommt unser Plauderberg auch vom Spotten, vom Ökeln? In den vergilbten Papieren der Stadtschreiber fand ich keinen Hinweis; ich las jedoch von dem Wortwitz der Frau von Plauderberg und des Herrn zu Schabernack. Sie könnten dem Volksmund bei der Taufe Pate gestanden haben. Aber wer weiß, die Gedanken sind frei.

Südlich des Stralsunder Hafens, am Ziegelgraben, gab es bis Mitte des 19. Jahrhunderts eine Ziegelbrücke und einen Ziegelacker. Beide wurden überbaut. Heute erinnern nur noch der Ziegelgraben und die Ziegelstraße an die einstigen Ziegeleien. Hügel gab es, die sogenannten Plauderberge, die bei Festungsarbeiten verloren gingen. Für etwa 100 Jahre war hier das Wohnquartier Plauderberg umsäumt von der ehemaligen Werftstraße, der Dänholmstraße, der Ziegelstraße und der Reiferbahn. Mittendrin lagen die Straßen Kleiner- und Großer Plauderberg.

In diesem Quartier, dessen Wertsignale im Laufe der Zeit erheblich verändert wurden, standen 49 Häuser vornehmlich in Architekturformen des frühen 20. Jahrhunderts. Das erste Haus in massiver Bauweise errichtete der Gutspächter Georg Schröder im Jahre 1877 im Großen Plauderberg. Die anderen Grundstücke wurden bis zum Beginn des I. Weltkrieges im Jahre 1914 mit großen Miethäusern, Ackerbürgerhäusern, Produktionsstätten und Stallungen bebaut. Es gab viel Grün, jedoch keine Villen. Vergleichbare Häuser sieht man noch heute in den Straßen der Franken-Vorstadt.

Zum Hafen hin gab es ab 1911 ein Energiewerk, die sogenannte Überland-Zentrale, von der nur noch der Energieturm existiert. Daneben waren bis 1912 die Werften für Segelschiffe der Schiffbauer Johannes Abraham und Omar Johannes Kirchhoff. Ihnen folgte Georg Schuldt, der bis 1929 Stahlschiffe baute. Otto Fröhling führte diese Werft bis 1937 weiter. Nebenan auf dem Grundstück der früheren Staatswerft, auch Kronhof genannt, entstand 1937 die Bootswerft Dornquast & Sohn. Dieses ganze Hafenviertel hinter dem Schienenstrang der Hafenbahn an der Reiferbahn nannte man das „Griese Eck“.

Hier wohnten Menschen, die sich ihre Existenz in zeitgemäßen Berufen sicherten. Im Wohnungsanzeiger 1941 fand ich Fischer und Handwerker, Schiffer und Lokomotivführer, Kaufleute, Lehrer und Beamte und auch einige Rentiers. Insgesamt 30 Fischerfamilien wohnten Tür an Tür. Der Fischfang war ihre Lebensader und zugleich die Grundlage der drei Fischräuchereien, die es im Quartier gab. Die Fischerboote lagen lange Zeit im gesamten Hafengebiet verstreut, bis sich mehrere Fischer südlich der Ziegelgrabenbrücke einen Fischereihafen schufen.

Auf engem Raum gab es diese interessante Mischung von Gaststätten, Betrieben und Geschäften: Die Gaststätte „Dänholm“ von Friedrich Glasow - Werftstraße 6, die Meierei von Helmut Kohagen - Werftstraße 9, der Kolonialwarenhandel mit Gastwirtschaft von Franz Kegler - Dänholmstraße 3a, die Fischräucherei von Bernhard Krabbe - Ziegelstraße 1, der Milchladen von Martha Schulze - Großer Plauderberg 6, die Fischräucherei von Ewald Muswieck - Großer Plauderberg 9/10, die Fischräucherei Krabbe & Sohn - Kleiner Plauderberg 7, der Kolonialwarenhandel mit Wäschemangel von Fritz Schuldt - Kleiner Plauderberg 10 und die Bäckerei von Hermann Giertz - Kleiner Plauderberg 12.

Wie körperliche Pein empfinde ich das Fehlende. Nur Ewald Muswieck gelang es seine Fischräucherei nach dem Bombenangriff notdürftig wieder aufzubauen. Für ihn hackte ich in meinem letzten Grundschuljahr 1953 Räucherholz. Jahre später arbeitete ich in der Schiffbau- und Reparaturwerft Stralsund und in der Rechenstation der Volkswerft. Zuletzt führten mich meine Wege in die Strahl GmbH. Immer schritt ich in der Ziegelstraße auf den Pflastersteinen, die nicht weggebombt waren. Hinweise in Form einer Gedächtnistafel oder eines Denkmals gibt es hier nicht, aber es gibt noch das Kopfsteinpflaster. Es erinnert mich an die wehrlosen Ruinen unter dem Erdboden gleich nebenan. Das ausradierte Wohngebiet Plauderberg wird mir immer eine seltsame Erinnerungslandschaft bleiben.

 

Willi Frankenstein

Auch Fischer Erwin Kagelmachers Tagebuch gibt Auskunft über den 06. Oktober 1944 (aus Gründen der Pietät gekürzt):
 
"Am 06. Oktober waren wir an der Reuse und machten ein paar Reparaturen. Ein schöner Tag, blauer Himmel, warm. Es war zwei oder drei Uhr. Wir hörten ein Brummen, das lauter wurde und dann sahen wir die Flugzeuge, Bomber, etwa hundert Stück. Sie kamen aus Richtung Peenemünde. Wie wir später hörten, waren sie dort durch starkes Abwehrfeuer abgedrängt worden. Und dann sahen wir die Bomben fallen und danach Rauch und Feuer. Wir segelten nach Hause. Mutter war wegen des schönen Wetters mit an Bord. Im Hafen sahen wir dann, dass der neue Netzschuppen völlig verbrannt war. Der alte stand noch. Kleiner- und Großer Plauderberg, Werftstraße, Reiferbahn - wo auch Vaters Eltern* wohnten - stand nichts mehr. Nur Rauch und Flammen...".
 
"Über 800 Tote, darunter viele Fischer. Die Krögerwerft (baute Schiffe für die Marine), der Tonnenhof mit Werft, die Rügendammbrücke, ein großes Kraftwerk direkt am Hafen, drei große Getreidespeicher, alles war heil geblieben. Es hatte nur Wohngebiete getroffen...".
 
"Im Netzschuppen war alles verbrannt, nur noch Asche und ausgeglühtes Eisen. Alle Treibnetze, Stellnetze, Reserve-Netzballen zum Ausflicken, Werkzeug, Klüver- und Besansegel...". Wir hatten nach der Werftzeit noch nichts wieder an Bord geholt, weil wir erstmal die Reuse in Ordnung bringen mussten".
* Erwins Großeltern kamen beim Bombenangriff vom 06.10.1944 im Keller ihrer Wohnung auf dem Plauderberg ums Leben.
 
Zeesenfischer Wilhelm Kagelmacher war unter dem Ökelnamen "Alter Schwede" bekannt. Das resultierte daraus, dass er einmal im Sturm auf der Ostsee bis nach Trelleborg in Schweden abgetrieben wurde. Außerdem hatte er einen Spitzbart, wie ihn einst auch Gustav Adolf von Schweden trug.


Uwe Grünberg


Bildquellen:
Bild 1: Archivbild: Andre Kobsch
Bild 2: Erwin Kagelmacher


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